Viele Menschen erleben den Alltag zunehmend als laut, schnell und überfordernd. Permanente Erreichbarkeit, ein voller Terminkalender und der Anspruch, in allen Lebensbereichen zu funktionieren, prägen unser Tempo. Selbst Momente, die eigentlich Entlastung bringen sollten – wie der Spaziergang mit dem eigenen Vierbeiner – geraten so leicht in den Strudel von Pflichten und Erwartungen.
Umso wichtiger ist es, bewusst Zeit für Ruhe und Entschleunigung einzuplanen – für uns selbst und für unsere Hunde. Denn auch sie spiegeln unser Stresslevel wider und profitieren direkt von unserer Gelassenheit. Ein Weg, der hierfür zunehmend populärer wird, ist das Waldbaden mit Hund.
Was ist Waldbaden?
Shinrin Yoku – japanisch für „Baden im Wald“ – ist in Japan ein wichtiger Bestandteil einer gesunden Lebensweise. Ärzte verschreiben in Japan sogar Waldbaden auf Rezept. Es bedeutet, mit allen Sinnen in die Stille und Ursprünglichkeit des Waldes abzutauchen.
Dabei geht es nicht darum, eine möglichst lange Strecke zurückzulegen, sondern um Achtsamkeit: bewusstes Gehen, Riechen, Hören und Sehen. Der Mensch lernt den Wald so manchmal ganz neu als reizarmen, beruhigenden und stärkenden Ort kennen.
Denn seien wir ehrlich: Wie oft hören wir im Alltag genau hin, wenn wir einen Spaziergang mit unserem Hund im Wald machen? Kennst du all die Vögel, die du hörst? Vielen fällt erst beim genauen Hinhören während eines Waldbades auf, wie wenig sie als Erwachsene noch von der Natur wissen.
Gleiches gilt für deine Atmung: Beim Waldbaden geht es darum, bewusst deine Atmung zu vertiefen, um die gesundheitsfördernden Terpene, die in der Waldluft enthalten sind, einzuatmen. Viele Menschen bemerken erst bei einem Waldbad, wie flach sie atmen.
Das Schöne am Waldbaden ist, dass es sich wunderbar mit dem Spaziergang mit deinem Hund verbinden lässt. Gemeinsam entsteht eine Auszeit, die deinem Körper, deinem Geist und eurer Bindung guttut.
Kein Wunder also, dass die Forschung zahlreiche positive Wirkungen des Waldbadens bestätigt. An japanischen Universitäten ist die sogenannte Waldmedizin als Forschungsgebiet anerkannt. Die Forschenden untersuchen seit Jahrzehnten die Auswirkungen eines Waldbades auf die menschliche Psyche und den menschlichen Körper. Und genau diese Ergebnisse zeigen: Waldbaden bietet eine Vielzahl von Vorteilen – für dich und für deinen Vierbeiner.
Die Vorteile eines Waldbades
Stress abbauen und innere Ruhe finden
Eine Studie von Sundman et al. zeigt, dass der langfristige Stresshormonspiegel von Hunden und ihren Besitzerinnen und Besitzern, die den Alltag teilen, synchronisiert ist. Das ließ sich weder durch körperliche Aktivität noch durch den Trainingsumfang erklären. Die Forschenden vermuten, dass die Hunde den Stresspegel ihrer Besitzer widerspiegeln und nicht die Besitzer auf den Stress ihrer Hunde reagieren.¹
Bist du entspannt, wirkt sich das also positiv auf das Stresslevel deines Hundes aus. Und hier kommt das Waldbad mit deinem Hund ins Spiel, denn Studien zu den physiologischen Auswirkungen eines Waldbades zeigen, dass der Wald im Vergleich zu städtischen Umgebungen die Cortisolkonzentration, die Pulsfrequenz und den Blutdruck senken.²
Wenn du im Wald bist, wirst du innerlich ruhiger und dein Stresslevel sinkt. Dein Hund spürt diese Veränderung sofort: er orientiert sich an deiner Gelassenheit, atmet ruhiger, bewegt sich entspannter und reagiert weniger hektisch auf Umweltreize – eine echte Win-Win-Situation für Mensch und Hund.
Mehr Klarheit und Konzentration dank des Waldbades
Meditationen während des Waldbades helfen dir, dein Gedankenkarussell langsamer werden zu lassen oder sogar zum Stillstand zu bringen. Diese innere Ruhe wirkt sich auch auf deinen Hund aus: er erlebt dich als klarer, aufmerksamer und präsenter und kann sich dadurch ebenfalls besser entspannen.
Waldbaden für mehr Bewusstsein im Alltag
Du nutzt die Materialien des Waldes, um deine tägliche Wahrnehmung zu stärken: Gemeinsam wird zum Beispiel ein Mandala aus Tannenzapfen, Steinen und Blättern gestaltet. Währenddessen machst du dir bewusst, welche schönen Momente du schon mit deinem Hund erlebt hast. Dein Hund erlebt gleichzeitig deine positive Stimmung und genießt die gemeinsame Aktivität – so wächst eure Bindung auf ganz natürliche Weise.
Denn seien wir mal ehrlich: Wie oft ärgerst du dich im Alltag über deinen Hund und merkst später, dass es eigentlich gar nicht so schlimm war? So geht es dir meist nicht nur mit deinem Vierbeiner, sondern auch mit Menschen und ihren Fehlern – zu oft liegt der Fokus nur auf dem Negativen. Die Zeit im Wald erinnert dich daran, die kleinen Freuden des Lebens wie Gesundheit, Gelassenheit und die gemeinsame Zeit mit deinem Hund bewusster zu schätzen.
Waldbaden und Kneipp-Kur kombinieren – für maximale Entspannung
Findest du während des Waldbades einen kleinen Bach, dann mache eine kleine Kneipp-Kur: Laufe wie ein Storch durchs Wasser und hebe abwechselnd ein Bein. Dabei sollte immer ein Bein vollkommen aus dem Wasser herausgezogen werden und die Fußspitze etwas nach unten gebeugt werden. Nach ca. 30 Sekunden spürst du ein starkes Kältegefühl in den Füßen und Waden. Dann solltest du das kalte Wasser verlassen, um die Füße zu erwärmen. Wiederhole diesen Vorgang mehrmals. Während du die Erfrischung genießt, hat dein Hund Zeit, in Ruhe am Ufer zu schnuppern oder sich hinzulegen – auch das ist Teil eurer gemeinsamen Entspannung.
So stärkt Waldbaden dein ImmunsystemDie ätherischen Öle der Bäume, die sogenannten Terpene, können die Anzahl der Killerzellen im Körper erhöhen, die für die Abwehr von Krankheiten verantwortlich sind. In den ätherischen Ölen heimischer Nadelbäume wie Kiefer, Fichte oder Weißtanne sind besonders viele Terpene enthalten. Eine Übersichtsarbeit fasst zusammen, dass bei etwa zwei Drittel der untersuchten Studien sowohl die Zahl der Killerzellen als auch deren Aktivität signifikant zunahmen - teilweise über Wochen nach dem Aufenthalt im Wald.³ Regelmäßige Aufenthalte in der Natur stärken also unsere Abwehrkräfte.
Wie funktioniert Waldbaden mit Hund?
Viele Menschen glauben, dass jeder Spaziergang mit Hund im Wald gleichzusetzen ist mit dem Begriff „Waldbaden“. Waldbaden ist aber deutlich mehr als ein Spaziergang im Wald. Daher empfiehlt es sich, Waldbaden auch nur mit einem zertifizierten Kursleiter oder einer Kursleiterin zu unternehmen. Insbesondere, wenn du in Gebieten unterwegs bist, die du nicht kennst, kannst du dich dadurch ganz auf das Walderlebnis konzentrieren und musst den Weg nicht mit dem Handy in der Hand suchen.
Denn wie sagte schon der chinesische Philosoph Konfuzius „Der Weg ist das Ziel“. Beim Waldbaden kommt es nicht wie beim Wandern darauf an, eine große Strecke zurückzulegen, sondern deinen Weg mit allen Sinnen wahrzunehmen, dabei zur Ruhe zu kommen und Kraft zu tanken.
Angeleitete Atemübungen und Meditationen unterstützen Mensch und Hund dabei, Entspannung zu erfahren. Als Mensch konzentrierst du dich ganz auf dich und deinen Atem, während dein Hund gemütlich neben dir liegt oder intensiv seine Umgebung erschnüffeln kann. Selbst der aufgeregteste Hund entspannt sich bei einem Waldbad, wenn sein Mensch die eigene Entspannung zulässt.
Waldbaden mit unruhigem oder aufgeregtem Hund – ein Widerspruch?
Es ist keineswegs ein Widerspruch mit einem aufgeregten oder unruhigen Hund ein Waldbad zu unternehmen – im Gegenteil! Hunde, die schnell gestresst oder eher unruhig sind, haben meistens einen Menschen an ihrer Seite, dem es ähnlich geht. Dreht sich das menschliche Gedankenkarussell ohne Unterlass, fällt es auch unseren Hunden schwer, einfach mal nichts zu tun. Genau für solche unruhigen Hund-Mensch-Teams ist ein Waldbad die perfekte Gelegenheit zu echter Entspannung zu finden. Manchmal gelingt das noch nicht beim ersten Besuch des Waldes. Dann gilt es dranzubleiben und regelmäßige Auszeiten in den Alltag zu integrieren.
Die optimale Ausrüstung für dein Waldbad mit Hund
Das Schöne am Waldbaden ist, dass es ganz ohne großen Rucksack stattfindet. Ziehe dir wetterangepasste Kleidung und feste Schuhe an, nimm, insbesondere an warmen Tagen, ausreichend Wasser für dich und deinen Vierbeiner mit. Solltest du ein ausgiebiges Waldbad mit deinem Hund planen, dann packe euch beiden noch einen kleinen Snack ein.
Für eine Meditation im Wald eignet sich eine Picknickdecke, auf der du es dir gemütlich machen kannst. Setze dich unter einen schönen Baum, schließe die Augen und lausche der Natur. Deinem Hund kannst du währenddessen eine Schleckmatte geben, falls er unruhig ist oder du nicht möchtest, dass er auf einem Stöckchen kaut. Vielleicht macht es sich dein Hund während der Meditation auch neben dir bequem und döst vor sich hin.
Sicherheit für dich und deinen Vierbeiner
Achte darauf, ob in der Umgebung giftige Pflanzen wachsen, die für deinen Hund gefährlich sein können. Dazu zählen etwa die Eibe, der Fingerhut, das Maiglöckchen, die Tollkirsche, der Efeu oder der Riesen-Bärenklau. Außerdem solltest du sowohl für dich als auch für deinen Hund an einen wirksamen Schutz vor Zecken und Mücken denken. Trage am besten lange Hosen und Socken, sodass die Zecken nicht auf deine Haut gelangen können. Nach dem Waldbad solltest du deinen Hund gründlich nach Zecken absuchen – auch dann, wenn er einen geeigneten Zeckenschutz trägt.
Fazit
Waldbaden mit Hund bietet Menschen eine wertvolle Möglichkeit, dem Alltag zu entfliehen und zu mehr inneren Ruhe zu finden. Die stille und reizarme Umgebung des Waldes ermöglicht nicht nur Entspannung und Stressabbau, sondern stärkt auch die Konzentration, das Bewusstsein für den Moment und die Verbindung zum eigenen Hund. Gleichzeitig profitieren auch unsere Vierbeiner von der Entspannung ihrer Besitzerinnen und Besitzer. Waldbaden verbindet Erholung, Achtsamkeit und die Beziehung zum Hund auf einfache und natürliche Weise.
Möchtest du die wohltuende Wirkung des Waldbadens gemeinsam mit deinem Hund erleben? Hier findest du meine Angebote für Waldbaden mit Hund und die nächsten Termine.
Quellen:
¹ Sundman AS, Van Poucke E, Svensson Holm AC, Faresjö Å, Theodorsson E, Jensen P, Roth LSV. Long-term stress levels are synchronized in dogs and their owners. Sci Rep. 2019 Jun 6;9 (1):7391. doi: 10.1038/s41598-019-43851-x. Erratum in: Sci Rep. 2020 Oct 8;10 (1):17112. doi: 10.1038/s41598-020-74204-8. PMID: 31171798; PMCID: PMC6554395.
² Park, B.J., Tsunetsugu, Y., Kasetani, T. et al. The physiological effects of Shinrin-yoku (taking in the forest atmosphere or forest bathing): evidence from field experiments in 24 forests across Japan. Environ Health Prev Med 15, 18–26 (2010).
³ Chae Y, Lee S, Jo Y, Kang S, Park S, Kang H. The Effects of Forest Therapy on Immune Function. International Journal of Environmental Research and Public Health. 2021; 18 (16): 8440.
Dieser Artikel ist im Fachmagazin Dogodu erschienen und kann hier abgerufen werden: https://www.dogodu.eu/waldbaden-mit-hund/

